Frankreich

27.12.2025 – 12.06.2026

Pünktlich zum Jahreswechsel sind wir nach Frankreich gefahren und haben die große Reise in unserer kleinen Raumkapsel fortgesetzt. In Karlsruhe hatten uns doch viele Menschen unabhängig voneinander Frankreich sehr empfohlen. Da wir mit Karlsruhe auch schon fast im Elsass waren, haben wir unseren Plan, als erstes nach England zu fahren, umgeworfen und wollten es mal mit Frankreich versuchen. Wir hatten irgendwie gar keine Beziehung zu Frankreich, kennen die Sprache nicht und wussten auch nicht, was uns dort erwarten würde. Aber wir hätten zur Not ja jederzeit den Frankreich-Abstecher abbrechen und uns plangemäß Richtung England bewegen können.

 

„Wer Pläne macht, wird ausgelacht!“
Johann König, Titel seines aktuellen Kabarett-Programms

 Nach ein paar schönen, winterlichen Tagen rund um die Jahreswende und in der ersten Januarwoche gab es bereits Mitte Januar drei Tage, die das Hormonsystem frühlingshaft anregten und einen kleinen Vorgeschmack auf die meiner Meinung nach schönste Jahreszeit gaben. Ansonsten war es aber nur in den niedrigeren Gebieten wärmer und eher grün, während ab 500 Metern fast überall Schnee lag. Nach Aufenthalten im Elsass, den Vogesen und einem Besuch in Dijon hielten wir uns längere Zeit am Rand der französischen Alpen mit schier unfassbaren Bergpanoramen, einschließlich dem Mont Blanc, auf. Der höchste Stellplatz war auf 1500 m, den wir aber wegen fehlender Versorgungsmöglichkeiten und drohendem Neuschnee nach nur zwei Nächten wieder verlassen hatten.

 

Schon seit einigen Tagen bemerkten wir ein Problem mit der Bremsanlage des LKW, das die Fahrt ins Tal bei Schnee unangenehm hätte machen können: Die Motorbremse bzw. Abgasdrosselung, durch die der Motor mittels Rückstaus der Abgase zusätzlich verschleißfrei gebremst wird, war ohne Funktion. Wie sich im weiteren Verlauf herausstellte, war ein Druckluftschlauch auf eine Länge von ca. 5 cm durchgeschmolzen, weil er vermutlich irgendwie Kontakt zum Auspuffrohr darunter hatte. Wochenlang konnten wir nun nur mit sehr geringer Geschwindigkeit und niedrigem Gang die Pässe hinunterfahren, was laut, unangenehm und für andere Verkehrsteilnehmer unverständlich und ärgerlich war. Erst etwa vier Wochen später erhielten wir die notwendigen Ersatzteile, mit denen sich der Schaden dann erstaunlich einfach beheben ließ.

 

Längere Zeit haben wir uns auf einem abgelegenen, verschneiten Parkplatz auf etwa 900 m Höhe aufgehalten. Das Panorama war nicht so imposant wie rund um den Mont Blanc, aber dennoch stattlich und wunderschön. In sechs Kilometern Entfernung gab es einen Ort mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft und einem kostenpflichtigen Stellplatz, wo man Wasser bekommen konnten. Einmal pro Woche sind wir für eine Nacht dorthin gefahren, haben am nächsten Morgen noch mal ausgiebig geduscht und anschließend Grauwasser abgelassen und Frischwasser nachgetankt. Dann ging es wieder zurück zu dem Parkplatz, der trotz des nahegelegenen kleinen Skigebiets („Idiotenhügel“) nie voll belegt war. Unsere längere Anwesenheit dürfte deshalb auch niemanden gestört haben.

 

Unweit des Stellplatzes befindet sich die Grand Chartreuse, das Mutterkloster des Kartäuser-Ordens. Die Mönche scheinen im Winter etwas faul (noch fauler, als sonst…) und empfangen Gäste nur in einem Museum und zu dieser Jahreszeit auch nur mittwochs nachmittags. Am ersten Mittwoch hatten wir unseren Marsch dorthin abgebrochen, weil die Wanderwege tief verschneit waren und wir nur entlang der Straße hätten gehen können, was uns nach etwa der halben Strecke als zu gefährlich erschien und uns zur Umkehr zwang. Eine Woche später waren wir dann mit dem Zirkuswagen dorthin gefahren. Die Einsamkeit und die Größe des Klosters haben uns sehr begeistert (Lage, Lage, Lage!), das im Museum in mehreren Stationen nachgebildete Leben der Mönche löste bei uns allerdings weniger Bewunderung als eher Kopfschütteln aus. 

 

Vielleicht sind die Schnäpse und Liköre noch das Beste, was aus diesen Mauern kommt. Die besondere Empfehlung eines Freundes, der als Theologieprofessor schon allein deswegen regelmäßig Exkursion hierher geleitet haben dürfte, galt dem grünen, 56-prozentigen Chartreuse, nicht dem Derivat, welches ich noch aus dem Manufactum-Angebot kannte. Nur der Hochprozentige verspräche die Wirkung, die nicht wenige seiner Münchner Studenten immer wieder in seine kirchengeschichtliche Vorlesung über das Mönchtum trieb, deren legendärer Höhepunkt im Verkosten mindestens einer Flasche dieses Likörs bestand und an dem Tag regelmäßig zum frühzeitigen Abbruch der Vorlesung führte.

„Vorsecht, jäder nor einen wönzigen Schlock, sonst steigt er en den Kopf. Jäder moss das Glas en einem Wenkel von 20 Grad drähen, damit er eine neue Ställe bekommt.“
Heinrich Spörl, „Die Feuerzangenbowle“

Ich nahm ein Probierfläschchen mit, 20 cl. Auch im SPAR-Markt war ein umfassendes Angebot bis 70 cl zu finden. Viel später entdeckte ich noch die Magnum-Flasche mit drei Litern für knapp 360 Euro. Das hätte dann für vier Vorlesungsumtrunke oder ein ausgelassenes Fachschaftsfest gereicht. Als Nationalgetränk, wie ich es mir vorstellte, schien der Schnaps allerdings nicht zu taugen, denn je weiter wir uns vom historischen Ort seiner Entwicklung entfernten, desto schwieriger war es, Nachschub zu bekommen.

 

Die Landschaft und die Bergkulisse am Westhang der Alpen waren fantastisch, auch wenn wir uns wegen der Wetterlage nur wenig bewegen konnten. Nach einigen weiteren Stationen, einer längeren, durch falsche Navigationseinstellungen („Autobahnen vermeiden“) ungewollten und sogar illegalen „Stadtrundfahrt“ durch Grenoble und einem atemberaubenden Durchqueren des Gorges de la Méouge bewegten wir uns langsam Richtung Südfrankreich, um der nachdrücklich ausgesprochenen Einladung eines alten Studienfreundes (junge Studienfreunde habe ich nicht mehr…) in dessen bzw. seiner Gattin und zwei Freundinnen gehörenden Domizil in der Nähe von Avignon zu folgen. Neben der Freude über das Wiedersehen, seine Gesellschaft und den Genuss einiger von ihm zubereiteten kulinarischen Mahlzeiten durften wir trotz seiner Abreise noch dortbleiben und bei Bedarf die Annehmlichkeiten seines Hauses nutzen, während wir auf ein Paket aus Deutschland warten, in dem neben allerlei Kleinkram auch das für die Bremse benötigte Ersatzteil enthalten war.

 

Ansonsten: mit der Kultur haben wir’s ja nicht so😉: In Avignon haben wir außer der Stadt selbst den Papstpalast nur von außen und die berühmte Brücke nur von weitem gesehen.

 

„Ich habe offensiv die Sehenswürdigkeiten verweigert“
Meike Winnemuth, Journalistin und Autorin
Gewann 500.000 Euro und beschreibt ihre anschließende Reise in dem Buch „Das große Los“, siehe Wikipedia

Wir lassen uns vom Leben treiben, nicht von der Uhr, nicht von Pflichten, nicht von irgendeinem „Must See“ irgendeines Reiseführers. Die Auswahl der Orte erfolgte über ihre landschaftliche Schönheit und bis auf wenige Ausnahmen nicht anhand irgendwelcher kulturellen Aspekte. Wir ziehen die leisen Töne einer persönlichen Begegnung dem Lärm der Masse vor. Und da wir ohne jeglichen Zeitdruck unterwegs sind, genießen wir die Landschaften und lassen das meiste auf uns zukommen. Wir fühlen uns von Gegenden angezogen, die andere offenbar weniger spektakulär finden. Die Orte, die wir suchen, sind die verborgenen, ursprünglichen, ruhigen und authentischen. Orte, in denen das letzte Restaurant dicht gemacht hat und es nur noch einen Pizza-Automaten gibt. Orte, wo wir meist allein auf den Plätzen stehen und menschenleere Fotos nicht nur während der Kirchzeit machen können. 

 

Der Reisende sieht Dinge, die ihm unterwegs begegnen,
der Tourist sieht das, was er sich vorgenommen hat zu sehen.
G. K Chesterton

In der Provence war es schon Frühling, so dass wir uns bereits Mitte Februar in Shorts und T-Shirts kleiden konnten. Neben Avignon besuchten wir weitere sehenswerte und im Frühjahr noch sehr ruhige Orte: Gordes, eine Stadt am Berge, wie wir etwas Ähnliches zuvor noch nie gesehen hatten, Roussillon mit seinen berühmten Ockerfelsen und Apt.

 

In Apt endete genau während unseres Aufenthaltes eine Etappe des Radrennen Paris-Nizza, worauf uns unser rennradbegeisterter Sohn aufmerksam machte und eine strategisch günstige Stelle etwa 5 Kilometer außerhalb der Stadt empfahl, wo die „Verweildauer“ der Sportler auf Grund der Steigung und der nachlassenden Kräfte am größten und das Spektakel damit am eindrucksvollsten sein würden. Wir gingen zu Fuß dorthin und gesellten uns zu den bereits wartenden Einheimischen, und da wir nicht einen der Profiradler kannten, jubelten wir jedem zu, der es den Berg hinauf schaffte.

 

„Ich freue mich besonders, dass ausgerechnet Sie gewonnen haben!“
Satz, mit dem Fürst Rainier III. jahrzehntelang dem Monaco-Sieger gratuliert haben soll.

Wir fuhren langsam weiter westlich. Wir waren in Quinson, das ein schickes, von Sir Norman Foster gebautes prähistorischen Museum besitzt, aber noch mehr durch die malerische und atemberaubende Verdonschlucht beeindruckte. Beates Geburtstag am 1. April verbrachten wir in Saint-Laurent-de-Carnols nahe einem weiteren Kartäuserkloster, das aber nur noch einen morbiden Charme ausstrahlte und vieles seiner einstigen Pracht eingebüßt hatte. Ostern waren wir in dem kleinen Örtchen Montdardier auf etwa 600 m Höhe, wo wir Ostersamstag einem großangelegten Boule-Turnier beiwohnten und einer zufällig vorbeikommenden und bei uns Hilfe suchenden Wanderin für das Wochenende ein Paar von Beates Schuhen liehen. Bei ihren hatten sich bereits auf den ersten 10 Kilometern einer für drei Tage geplanten Wanderung die Sohlen komplett gelöst.

 

Wir bewegten uns weiter ins Massiv Central. Auch aus dieser Gegend wusste der oben genannte Theologieprofessor insbesondere über die dortigen Straßenverhältnisse eine nicht gerade mutmachende Geschichte zu erzählen. Während seiner Studienzeit gab er ab und an den Reiseleiter und war mit einem waghalsigen Busfahrer in einem großen Reisebus auf einer schmalen Serpentinstraße steckengeblieben, was einen peinlichen Polizei- und Hubschraubereinsatz auslöste. Dieser soll im Anschluss nur deshalb vor allem ohne finanzielle Folgen geblieben sein, weil die von Amts wegen Beteiligten mit zwei Kartons eigentlich für den Verkauf an die Passagiere gedachten Piccolöchen bestochen werden konnte.

Wir fuhren die teilweise engen Straßen glücklicherweise ohne nennenswerte Probleme und Blessuren und freuten uns an den abenteuerlichen Herausforderungen solcher Passagen.

 

Sehr beeindruckt waren wir von Florac, einer sehr schönen Stadt am Eingang zum Nationalpark Cevennen mit viel jungem, alternativem Leben. Der Campingplatz war sauber und sehr günstig, und die Einnahmen eines halben Jahres reichten offenbar trotzdem aus, dass der Betreiber Mathieu und seine Frau von Oktober bis März in Thailand leben konnten. Ich nahm ein kurzes Bad im nur 13 Grad kalten Fluss. Ansonsten machten wir eine Bergwanderung entlang einer unglaubliche Klippenlandschaft und hätten bei genauem Hinsehen sogar Geier sehen können, die dort vor Jahren wieder erfolgreich angesiedelt wurden.

 

Im Perigord war Lascaux ein wirklich unverzichtbares Ziel. Dort wurden 1940 menschheitsgeschichtlich bedeutsame Höhlen mit überwältigenden Felszeichnungen gefunden wurden, und wenngleich die eigentlichen Höhlen aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr öffentlich zugänglich sind, gibt es in einem modernen Museum naturgetreue Nachbildung der Höhlen, die einen fantastischen Eindruck ermöglichen und die man sich nicht entgehen lassen darf.

 

Leider hatten wir in Frankreich anfangs kaum den erhofften intensiveren Kontakt zu Einheimischen bekommen, was unsere Reiseidee, uns irgendwo nützlich zu machen und Menschen vor Ort kennenzulernen, etwas vereitelte. Seit dem Frühling kamen wir zumindest wieder mehr mit anderen Reisenden in Kontakt und empfanden das größtenteils als eine gute „Verzinsung“ des von uns eingesetzten Geld-, Arbeits- und Mutkapitals. Auf diese Weise lernten wir auch ein ungefähr gleichaltriges Paar aus Australien kennen, das für ein Jahr in Südeuropa unterwegs war. Man verstand sich auf Anhieb, obwohl im wahrsten Sinne Welten zwischen uns waren. Was uns in Ascheberg nicht gelingen wollte, funktioniert „auf der Straße“ offensichtlich bestens. Diese Menschen treibt dieselbe Neugierde wie uns, und sie haben eine ähnliche innere Haltung zu Menschen, Dingen und dem Leben.

 

Anfang Mai fuhr ein junges Paar auf unseren damaligen Stellplatz, auf dem man unseren Wagen augenscheinlich schon von weitem sehen konnte, und sprach uns freundlich und aufgeschlossen auf den Wagen an. Julia und Jörn stammen aus Deutschland und leben mit ihrem acht Monate alten Sohn  nur wenige Kilometer entfernt ebenfalls in einem Zirkuswagen (!) und arbeiten an einem Permakultur-Projekt. Sie boten uns freimütig an, uns mit unserem Wagen auf ihr Gelände zu stellen. Und da wir schon seit einer Weile solche Begegnungen nutzen, um auch auf unseren oben genannten Wunsch zu Helfen und Kontakt zu bekommen hinzuweisen, konnten wir dort für eine kleine Weile „handgreiflich“ werden.

 

Weiteres Stehen bei Privatleuten ergab sich ansonsten nicht. Die Höflichkeit und Zurückhaltung der Franzosen und unsere Sprachbarriere standen dagegen. Auch zu den erhofften Freiwilligendiensten kam es nicht, und die einschlägigen Internet-Plattformen, über die man Tätigkeiten finden könnte, waren keinerlei Hilfe. Die eine Plattform, wwoof.fr, scheint insbesondere von jungen Aussteigern genutzt zu werden, für die unser Hilfsangebot möglicherweise eher wie „Parents-Day“ wirkt und zu deren Community wir vielleicht auch nicht gehören. Die andere Plattform, workaway.info, bietet mehrheitlich eher die Sorte von Arbeiten an, die schon seit Jahrzehnten Au-pair-Mädchen zum frühzeitigen Aufgeben veranlasst haben: Housekeeping und Gardening, wobei mir dabei das Bild nicht aus dem Kopf geht, dass sich die Herrschaften derweil möglicherweise auf der Terrasse sonnen könnten. 

Demgegenüber hätten NGOs eine neutralere Möglichkeit sein können, allerdings gab es in ganz Frankreich nur sieben Angebote. Zufällig war eines davon nur 3 Kilometer von unserem damaligen Stellplatz entfernt. Es war ein Verein, der den Nachlass eines Künstlers verwaltete, geleitet von der Witwe des Künstlers und der Tochter. Aber man zierte sich, und trotz der anstiftenden Nähe und unserem charmanten Anschreiben kam ein Miteinander nicht zustande: die Tochter spräche kein Englisch und man suche auch nur einen einzelnen Helfer, da man nicht die Zeit hätte, sich um mehr Personen zu kümmern… Man scheint es sich vielleicht aussuchen zu können.

 

Im Anschluss kamen wir durch einige weniger sehenswerte Ortschaften und bereuten für einen Moment, zu früh bei der jungen Familie weggefahren zu sein. Ein Umkehren kam aber nicht in Frage.

 

„Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“
Erich Honecker

So landeten wir schließlich in der Bretagne, wo spätestens jetzt, Mitte Mai, die Saison Schwung aufgenommen hatte und uns die zunehmende Menschendichte beim Genießen der Landschaft, der Strände und des Meeres störte. Wir erschraken über die Einfallslosigkeit der Welt dieser Pauschaltouristen mit ihren langweiligen Ferienanlagen und den vorgefertigten Freizeitideen. Wir konnten uns nur schwer damit abfinden, dass dies in den folgenden Sommer- und Ferienmonaten nun überall ein normales Bild sein würde.

 

Hier und da gab es zwar noch ein paar herausragende Stellplätze, aber in Summe wurden wir mit der Bretagne nicht richtig warm und bereiteten uns gedanklich auf das Verlassen des Landes Mitte Juni vor.

 

Wir waren aber noch mit einem Weggefährten (im wahrsten Sinne des Wortes: ein ebenfalls im Wohnmobil lebender Mensch, den wir vor zwei Jahren „auf der Straße“ kennengelernt hatten) verabredet, der wie wir oder vielleicht sogar unseretwegen in die Bretagne reiste. Wir trafen uns für ein paar Tage in Pont-Aven und hatten eine gute Zeit unter Gleichgesinnten. Kurz darauf verließen wir am 12. Juni das Land.

 

Das Leben im Zirkuswagen klappt prima, es fehlt uns nach wie vor an nichts und wir fühlen uns sehr wohl. Das Vagabundenleben hat sich gut eingespielt, und Beate und ich können uns momentan gar nichts anderes mehr vorstellen. Alles fühlt sich sehr normal an. Vor allem bin ich froh, nicht mehr den Stress des Berufslebens zu haben. Wie sehr mich die Arbeit und die vielen unterschiedlichen Themen körperlich und gesundheitlich mitgenommen hatten, habe ich erst gemerkt, als es vorbei war. Seit Januar kommt jetzt die Rente, und zusammen mit den Mieteinnahmen für unser Haus ist das ausreichend für dieses Leben. Was für ein Leben!

„The worst day of travel life is still better than the best day of work!“
Julio, Australien

Frankreich ist ein sehr entspanntes Land mit viel „Leben und Leben lassen“. Das Freistehen ist auf den meisten öffentlichen Parkplätzen für sieben (!) Nächte erlaubt, solange man kein Campingverhalten zeigt, der Platz mindest 500 m von einer Sehenswürdigkeit entfernt ist und es aus sonst einem Grund nicht verboten ist. Darüber hinaus gibt es viele kostenlose kommunale Stellplätze mit Ver- und Entsorgungsmöglichkeit und eine Betreiberkette „Camping-Car Park“, die ein flächendeckendes Netz an standardisierten Stellplätzen für Preise zwischen 12 und 15 Euro pro Nacht bietet, mit ganzjährig funktionierender Ver- und Entsorgung nebst Stromanschluss. Ungefähr einmal pro Woche nutzten wir einen solchen Platz und standen ansonsten meist frei auf Parkplätzen, die in unseren Apps als Stellplätze ausgewiesen waren.

 

Wir reisen nicht, um Strecke zu machen. Auf Youtube präsentieren sich zum Beispiel Typen, die in der ausklingenden Corona-Zeit mit ihrem Van in Spanien waren und eben mal schnell für zwei Wochen nach Norwegen reisen wollten, um schließlich in Kristiansand beim Verlassen der Fähre festzustellen, dass – Corona! – eine Einreise verboten war. Nein, uns geht es nicht ums Kilometerfressen. Deshalb bleiben wir ja meist ein paar Tage an einem Ort und fahren auch oft von dort nur kurze Strecken zum nächsten Stellplatz. Während dieser Transits machen wir unsere Erledigungen und größeren Einkäufe, alles andere besorgen wir dann über die örtlichen Nahversorger (Boulangerie), oder wir schnüren uns die Rücksäcke und laufen zum Einkaufen in den nächsten Ort. Den Wagen haben wir ausschließlich zum Einkaufen noch nie bewegt. Und trotzdem kommt einiges an Strecke zusammen, weil es sich manchmal eben doch nicht vermeiden lässt, größere Strecken am Stück zurückzulegen, weil wir auch auf die Verfügbarkeit von Stellplätzen angewiesen sind und diese nicht immer auf einer idealen Perlenschnur unsere Routenplanung liegen, und weil mit dem Bereisen der Länder, die wir uns vorgenommen haben, zwangsläufig Strecke verbunden ist. Wir kommen auf etwa 8.000 km pro Jahr, was in etwa dem Treibstoffverbrauch entspricht, den wir vorher für unsere Fahrten zur Arbeit hatten.

Die Menschen in Frankreich sind weitaus weniger reserviert, als immer behauptet wird, und größtenteils kommt man hier auch mit Englisch gut zurecht. Uns gefällt die offensichtliche Genügsamkeit der Franzosen, die mit ihren Häusern und auch teilweise ihren Autos wenig Prunk zur Schau stellen, dafür aber wohl tatsächlich das gute Essen hochschätzen – und trotzdem statistisch schlanker sind als die Deutschen. Das Einkaufen im Supermarkt ist auch ohne Sprachkenntnisse unproblematisch, weil ja alles abgepackt ist und zur Selbstbedienung daliegt, und die komischen Zahlen, die die Kassiererin nennt, ignorierten wir einfach und zahlten blind mit Karte 😊. Die Käsetheken reichen bis zum Horizont und bieten eine Vielfalt, mit der das schon sehr umfangreiche deutsche Angebot nicht annähernd mithalten kann. Dazu gibt es fast überall frischen Fisch, ein großes Angebot an Fleisch- und Wurstwaren, Gebäck und ein riesiges Weinangebot, das erstaunlicherweise auch Weißweine umfasst. Die meisten Dörfer, selbst sehr kleine, haben Bäckereien, wo wir morgens frisches Baguette und Croissants kaufen konnten. Nur Roggenbrot und Roggenmehl waren hier nicht zu bekommen.

 

Leben wie Gott in Frankreich!

Auch das Wäschewaschen ist in Frankreich kein Problem. An fast jedem Supermarkt gibt es öffentliche Waschmaschinen, und während unsere Wäsche lief, konnten wir in Ruhe einkaufen. Zwischendurch packten wir die gewaschen Sachen schnell in den Trockner und setzten den Einkauf fort. Wenn wir mit dem Einkaufen fertig waren, war auch die Wäsche fertig.

 

Die Menge der Eindrücke ist bisweilen kaum zu verarbeiten. Wo die Erinnerung versagt oder sich Dinge vermischen, helfen uns unsere Aufzeichnungen und insbesondere eine riesige Fotosammlung mit allein 4500 Fotos nur aus Frankreich. Und trotz aller Eindrücke sind und bleiben wir neugierig. Wir scheuen nicht den kleinen Abstecher, um rasch noch um die Ecke zu schauen, und haben immer noch Lust auf Neues. Unser Leben ist eine Mischung aus Innehalten und Entdecken, aber auch ganz gewöhnlichem Alltag mit Besorgungen, Wäschewaschen und Bürokram. 

Ein gutes Gelingen ist insbesondere dann zu erwarten, wenn man keine Pläne macht und die Dinge geschehen lässt. Dies verschaffte uns in Frankreich über Monate eine Ruhe, die Platz fürs Entdecken ebenso wie für den normalen Alltag bot. Erst als wir begannen, uns mit dem nächstem Reiseland zu befassen, zerbrach dieses filigrane Gebäude und entwertete die Gegenwart. Das ist aber vermutlich völlig normal und ein unvermeidbares Moment, wenn man sich wie wir auf den Weg gemacht hat.

 

O wünsche nichts vorbei und wünsche nichts zurück!
Nur ruhiges Gefühl der Gegenwart ist Glück.
Friedrich Rückert

 

Für heute war es das. 

Immer hübsch frei bleiben!

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